BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Maßgeschneiderte Energie in Form und Umfang

Stadtwerke als Vorreiter

Vorreiter auf dem Gebiet der Energiedienstleistung sind die Stadtwerke. Die Stadtwerke von Saarbrücken und die von Rottweil haben Anfang der achtziger Jahre damit begonnen, ihren Kunden einen „Wärme-Direktservice“ oder „Nutzwärme-Service“ anzubieten. Dabei wird die Heizzentrale im betreffenden Objekt von den Stadtwerken übernommen, entweder an die Fernwärme angeschlossen oder mit einem Brennwertkessel oder Blockheizkraftwerk ausgerüstet und dem Kunden in Zukunft nur noch Wärme verkauft. Über das klassische Fernwärmeangebot geht der Wärme-Direktservice insofern hinaus, als bei Mietobjekten auch die Einzelabrechnung mit den Mietern vom Energieversorgungsunternehmen übernommen wird. Vom Wärme-Direktservice profitieren Umwelt, Kunde und Stadtwerke:

Der Wärme-Direktservice wird inzwischen von ca. 25 Stadtwerken in Deutschland angeboten, ungefähr weitere 50 sind in der Vorbereitungsphase eines solchen Angebots. Stadtwerke sind dafür prädestiniert durch ihre Präsens vor Ort, den „Querverbund“ (bei Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung) und ihr ökologisches Bewußtsein, das im allgemeinen höher ist als bei den großen Energieversorgungsunternehmen.

Energiedienstleistung von privater Seite

Auch auf privatwirtschaftlicher Basis wird Energiedienstleistung weiter diskutiert: In den Verbänden der Heizungs- und Lüftungsbranche wird überlegt, einen Wärmeservice von Handwerkerseite her anzubieten; aus den USA kommt das Konzept des „facility management“, bei dem der Vermieter eines Verwaltungs- oder Fabrikgebäudes alle Leistungen übernimmt, die mit der Bereitstellung von Wärme, Klimatisierung und Beleuchtung im Mietobjekt zusammenhängen.

Auf allen Gebieten der Nutzenergie möglich: Licht, Wärme, Kraft, Stromanwendung und Mobilität.

Neben der Wärme kann als Energiedienstleistung theoretisch jede Form der Energiedarbietung gewählt werden. Beleuchtung als Energiedienstleistung („Nutzlicht“) wird schon seit einiger Zeit diskutiert und in einigen Unternehmen ebenfalls geplant. Dabei übernimmt das Versorgungsunternehmen Planung, Installation und Wartung des Beleuchtungssystems; je nach Modell wird eine Dauermiete vereinbart oder die Anlage geht nach einer bestimmten Zeit in den Besitz des Mieters über. Die Stadtwerke Rottweil und Kassel arbeiten an einer Verbesserung der Vertragsgestaltung; das Bayernwerk bietet im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts die ersten Verträge abgeschlossen. In Rottweil wird Mobilität als Dienstleistung angeboten: die Stadtwerke haben derzeit 21 Elektroautos an Kunden vermietet. Ebenfalls in Rottweil sind in das Nutzwärmekonzept einige Solaranlagen integriert, die in Wohnhäusern zur zusätzlichen Brauchwassererwärmung eingesetzt werden. In großem Stil geschieht dies in Ravensburg: In zwei Wohnanlagen (mit jeweils über 100 Wohneinheiten) verkaufen die Stadtwerke den Hauseigentümern Brauchwasser, das zum überwiegenden Teil in einer zentralen Solaranlage erwärmt wird. Selbstverständlich wird dort auch die Heizwärme von den Stadtwerken produziert und über ein Nahwärmenetz von den Stadtwerken verkauft.

Kälte

Ein anderes Betätigungsfeld bietet die Kälteerzeugung. Die HEW in Hamburg betreiben zusammen mit 18 Kunden in der Südstadt ein Kältenetz, bei dem 5°C kaltes Wasser über ein Netz von 12 km zu den Verbrauchern geleitet wird. Die Stadtwerke Chemnitz betreiben eine zentrale Fernkälteversorgung (9 MW Erzeugerleistung, 1,5 km Leitung); die MVV in Mannheim wird demnächst in einem Kaufhaus in der Innenstadt eine fernwärmebetriebene Absorptionskältemaschine mit einer Leistung von 1 MW in Betrieb nehmen. Die Koppelung von Fermwärme und Absorptionskältemaschinen ist ökologisch besonders vorteilhaft: Die Kälteerzeugung kommt ohne klimaschädliche Kältemittel aus und nutzt Kraftwerksabwärme in der lastschwachen Sommerzeit. Wie beim Direkt-Wärmeservice auch wird bei der Kälte auf der Basis der gelieferten Nutzenergie abgerechnet.

Energieeinsparung

Im Unterschied zu den USA bietet in Deutschland bisher noch kein Unternehmen die Wärmedämmung als Energiedienstleistung an. Das liegt einerseits am größeren technischen Aufwand, der in Europa für die Wärmedämmung an bestehenden Gebäuden betrieben werden muß, zum anderen an der damit verknüpften geringeren Rentabilität. Bei den gegenwärtigen niedrigen Energiepreisen ist eine Rückzahlung der Wärmedämmkosten über die kleinere Energierechnung in überschaubaren Zeiträumen illusorisch.

Branchenmodell

Dagegen bieten viele Energieversorgungsunternehmen inzwischen eine kostenlose oder sehr kostengünstige, aber keinesfalls uneigennützige Beratung zur Strom- und Heizwärmeeinsparung bei Wohngebäuden an – ebenfalls eine Energiedienstleistung. Darüber hinaus entwickeln Mitgliedsunternehmen der ASEW – in ihr sind die Stadtwerke zusammengeschlossen, die sich besonders auf dem Bereich der Energieeinsparung und rationellen Energieverwendung engagieren – Modelle zur Beratung von Kleingewerbebetrieben. Für Friseurbetriebe und Fleischereien liegen diese inzwischen vor, für das Gaststättengewerbe und für Bäckereien sind sie in Vorbereitung. Die Beratung von Großbetrieben erfordert dagegen sehr spezialisiertes Wissen, das die kommunalen Energieversorgungsunternehmen im allgemeinen nicht aufbringen. Dieses Feld besetzen deshalb zunehmend die landeseigenen Energieagenturen, die dann auch per Contracting Projekte im Bereich der Kraft-Wärme-Kopplung realisieren.
Auch hier gibt es Parallelen im privaten Bereich: Mehrere Ingenieurbüros bieten für Kommunen Beratung im Wärmebereich an, die aus den eingesparten Brennstoffkosten finanziert wird. Problematisch bei solcher Beratung ist, daß sie sich auf Maßnahmen konzentriert, die kurzfristig Einsparerfolge bieten und Konzepte für die Kombination von Wärmedämmung, Heizenergie- und Stromeinsparung außer Acht bleiben.

Energiedienstleistung für Kommunen

Die großen Energieversorgungsunternehmen bieten mehr und mehr Dienstleistungen für die Kommunen an, die keine eigenen Stadtwerke haben. Das geht vom kostenlosen oder preisgünstigen Erstellen von Energiekonzepten über den Bau von Blockheizkraftwerken (die Wärme wird im betreffenden Objekt an die Kommune verkauft, der Strom ins eigene Netz eingespeist) bis hin zur Erstellung von Einspargutachten für einzelne städtische Gebäude. Dieser Service ist im allgemeinen kostengünstig für die Kommune, aber nicht uneigennützig für das Energieversorgungsunternehmen: Es sichert sich Einfluß und hält die Kommune als lästigen Konkurrenten vom Stromnetz fern. Dort, wo Kommunen das Strom- oder Gasnetz vom Vorlieferanten übernehmen, bietet sich eine weitere Möglichkeit zur Energiedienstleistung: Hier kann der bisherige Verteiler mit dem Angebot auftreten, das Netz im Auftrag des neuen Besitzers zu führen. Das ist für die technische Seite bereits realisiert worden (Bordesholm, Detmold), könnte aber ebenso auf die kaufmännische Seite ausgedehnt werden.

Energiedienstleistung und Least-Cost-Planning

Eng verknüpft mit dem Gedanken der Energiedienstleistung ist das Least-Cost-Planning. Dabei wird vor der Bereitstellung neuer zusätzlicher Versorgungskapazitäten (Strom, Gas, Fernwärme) auf der Angebotsseite überprüft, ob sich das Ziel nicht billiger durch Einsparmaßnahmen auf der Verbrauchsseite erreichen läßt („Nega-Watt statt Mega-Watt“). Bei konsequenter Anwendung wird dabei natürlich ebenfalls vom Nutzenergiebedarf des Verbrauchers ausgegangen werden.

Quellen und weiterführende Informationen:


Stand der Informationen: 03/04
Seite zuletzt aktualisiert am: 02/11

Quelle: http://energie.bund-rlp.de/handbuch/energiedienstleistung/